Freitag, 20. März 2009

Frei von Zwang und jeglicher Überwachung


Freitag, 20. März 2009

Frei von Zwang und jeglicher Überwachung


Gewissen – ein nur lästiges oder auch ein notwendiges Übel?

Nachdem wir dem Begriff "Gewissen" bereits einige Male begegnet sind, scheint jetzt ein geeigneter Augenblick für ein paar grundsätzliche Gedanken über diese jedem Menschen innewohnende Kontrollinstanz gekommen zu sein. Als kundige Reisebegleiter Adams sind es in erster Linie seine Eltern, die ihn im Rahmen ihrer Erziehungsbemühungen dazu bringen, ein mehr oder minder waches Gewissen zu entwickeln. Messen sie jedoch ihrem eigenen Gewissen keine positive Bedeutung bei, weil es nämlich ihre berufliche Karriere und auch die Bildung von Vermögen sehr wohl behindern, wenn nicht sogar völlig verhindern kann, dann haben sie es vielleicht schon längst zum Schweigen gebracht. In dem Fall wird vermutlich auch Adams Gewissen nicht den besonders kritischen Mahnern angehören und deshalb weder die Karriere noch das Anhäufen von Vermögen behindern. Ob in Adam ein kritisches Gewissen heranreift, hängt somit vor allem davon ab, was für Eltern ihm der Zufall beschert.

Zufallsergebnisse sind allerdings zwangsläufig mit dem Makel behaftet, nicht berechenbar und damit nicht verlässlich zu sein. Verträgt sich dieses mehr als fragwürdige Ergebnis eigentlich mit einer von sozialer Gerechtigkeit geprägten Leistungsgesellschaft? Bevor wir darauf die richtige Antwort geben können, müssen wir uns darüber klar werden, ob für die hier angestrebte Gesellschaft kritische Gewissen überhaupt von Nutzen oder gar notwendig sind. Wir werden dazu die folgenden Fragen zu klären haben: Kann ein Gewissen tatsächlich zum Wohle einer Gemeinschaft Aufgaben übernehmen? Gibt es vielleicht eine gute Alternative, oder ist sie wenigstens denkbar?

Wie Kinderspiele nur dann der eigentlichen Idee folgen und echte Freude bereiten können, wenn die Mitspieler alle Regeln einhalten, so hängt die Qualität einer Gesellschaft unter anderem davon ab, dass sich zumindest eine deutliche Mehrheit der Bürger an die Gesetze hält. Dem gegenwärtigen Menschen fehlt es jedoch viel zu oft an der erforderlichen Charakterstärke, um uns die wirkliche Sicherheit bieten zu können, dass er Gesetze auch dann befolgt, wenn ihm daraus Nachteile erwachsen. Ungeachtet einer gewissen Scheu, auch öffentlich dazu zu stehen, sollten wir zugeben, dass sogar ein Rechtsstaat das, was er für obligatorisch erklärt hat, gegebenenfalls erzwingen muss. Unsere Einsicht ändert aber nichts daran, dass wir für gewöhnlich jeder Art von Zwang ablehnend gegenüberstehen. Wer zu etwas gezwungen wird, wozu er ohnehin bereit ist, ärgert sich vermutlich kaum weniger als ein anderer, der zu etwas Ungewolltem gezwungen wird. Unter diese grundsätzliche Ablehnung fällt der Zwang nur dann nicht, wenn er sich einzig und allein gegen Menschen richtet, die Gesetze verletzen, und wir selbst zu diesen Unbotmäßigen natürlich nicht gehören.

Um Bereitwillige auf keinen Fall zu verprellen und die Widerspenstigen nicht davonkommen zu lassen, wird sich der Staat nach Möglichkeit darauf beschränken, Zwang lediglich dort auszuüben, wo ein Mangel an Bereitwilligkeit nicht zu übersehen ist. Wie lässt sich aber sicher feststellen, welcher der beiden Gruppen ein Adam zuzuordnen ist? Wollte der Staat eine vollkommene Sicherheit erreichen, müsste er jeden einzelnen Adam überall und zu jeder Zeit überwachen, umso mehr, als sich Adams Einstellung von Gesetz zu Gesetz und überdies mit der Zeit ändern kann. Wem käme angesichts einer derartig weit reichenden Überwachung durch den Staat nicht sogleich Orwells Schreckensvision eines totalitären Überwachungsstaates in den Sinn? Selbstverständlich wollen wir keinen Staat dieser Art. Trotzdem – und niemand sollte daran zweifeln – muss es uns als Gesellschaft oder unserem Staat möglich sein, auf fehlende Bereitwilligkeit, Gesetze zu befolgen, mit Zwang zu reagieren.

Das folgende Argument wird vermutlich kaum jemanden zu einer gravierenden Verhaltensänderung veranlassen. Es soll uns jedoch zumindest etwas nachdenklich stimmen. Wer stets einwandfrei handelt, brauchte eigentlich keine Überwachung zu fürchten. Er hätte im Gegenteil sogar einen Grund, sich darüber zu freuen, denn dadurch würde sein guter Charakter für andere sichtbar. Trotzdem beschleicht uns ein mehr als unangenehmes Gefühl bei dem Gedanken, ständig überwacht zu werden, und dieses Gefühl kann sich bis zu panischer Angst oder zu offener Empörung steigern. Möglicherweise ist es nur ein Symptom dafür, dass wir uns nicht völlig sicher sind, in jedem Augenblick und in jeder Hinsicht korrekt zu handeln, oder wir verdächtigen staatliche Organe, dass sie selbst das auf edelsten Motiven basierende und ethisch einwandfreie Handeln gegen uns verwenden. Als ein Beispiel sei auf einige wirklich starke Charaktere hingewiesen, die während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft trotz drohender Strafen unschuldig Verfolgten zu helfen wagten.

Einerseits lehnen wir jede umfassende Kontrolle strikt ab, andererseits sind wir offensichtlich darauf angewiesen. Etwas abzulehnen, was wir nichtsdestoweniger brauchen, das ist unverkennbar eine Zwangslage. Da wir jedoch auf keiner antiken Theaterbühne stehen, wo uns ein Deus ex Machina zu Hilfe eilen könnte, müssen wir wohl selbst nach dem Ausweg aus diesem Dilemma suchen, es sei denn, die Funktion eines Gottes aus der Maschine und Retters in höchster Not trauen wir unserem Gewissen zu. Genau dafür bietet es sich in der Tat an. Indem wir nämlich Adams Überwachung seinem eigenen Gewissen übertragen, ziehen wir einen Vorteil daraus, dass der Überwacher immer anwesend ist und ihm folglich vom Tun und Lassen Adams nichts entgeht, selbst geheimste Gedanken bleiben dem Gewissen nicht verborgen. Zugegeben, auch wenn wir uns nur vom eigenen Gewissen überwachen lassen, bleibt es eine Überwachung und wird von uns insofern als ein Übel gewertet. Was dieses Unangenehme jedoch etwas mildert, ist der Tatbestand, dass wir unser Gewissen als einen Teil von dem betrachten, was unser Ich ausmacht: Wir überwachen uns somit selbst, woran wir im Allgemeinen nichts Demütigendes finden, zumindest nichts, was der Überwachung durch andere auch nur annähernd gleichkäme.

Die Überwachung eines Menschen dem eigenen Gewissen zu überlassen mutet uns an wie eine Lösung, die Unvereinbares wirklich zu vereinbaren scheint, eine Lösung also, mit der wir rundherum zufrieden sein könnten. Allerdings birgt sie ein Problem. Rührt sich Adams Gewissen im Zusammenhang mit einer Handlung nicht, sind hierfür zwei sich grundsätzlich unterscheidende Gründe denkbar: Entweder ist sein Gewissen betäubt, wenn nicht sogar tot, oder es findet an Adams Tun nichts Verwerfliches. Aus dem Umstand, dass Adams Gewissen schweigt, lässt sich daher nicht ableiten, dass Adam keine verwerflichen Taten begeht.

Zu einer der oben gestellten Fragen zurückkehrend, sei als ein Zwischenergebnis festgehalten, dass unser Gewissen durchaus eine Aufgabe für die Gemeinschaft übernehmen kann und sollte, nämlich die zurzeit vom Staat ausgeübte und im Allgemeinen von Betroffenen als sehr unangenehm empfundene Überwachung durch eine Selbstkontrolle zu ersetzen. Ob ein Gewissen diese Kontrollaufgabe überhaupt erfüllen kann und wie gut, hängt von seiner Qualität ab. Für uns ergibt sich daraus bedauerlicherweise, dass unser Gewissen nur bedingt tauglich ist. Während uns das hellwache, äußerst kritische und stets mahnende Gewissen ein gewichtiges Argument dafür liefert, auf die ungeliebte Überwachung durch den Staat zu verzichten, verhindert das schlafende, erst recht das tote Gewissen diese Möglichkeit. Niemand unter uns Menschen hat die Gabe, tief genug in einen Mitmenschen einzudringen, um bar jeden Zweifels erkennen zu können, ob das Gewissen von hinreichender Qualität ist. Unsere Konsequenz ist einfach. Vom ungünstigsten Fall ausgehend, meinen wir, dem Gewissen die Eignung zur Überwachung absprechen zu müssen. Das wäre jedoch überzogen, immerhin gibt es überzeugende Gründe, an der Kontrolle durch das Gewissen festzuhalten.

Unser Mangel an Vertrauen gründet insbesondere auf dem nicht zu leugnenden Tatbestand, dass wir als Außenstehende Adams Gewissen nicht ansehen können, ob es ihn verlässlich kontrolliert. Schließen wir einmal die der Science-Fiction entliehene Möglichkeit, wir könnten uns alle zu Telepathen entwickeln, aus, dann werden wir auch zukünftig nicht über die Gabe verfügen, in Adam hineinzusehen. Wir können somit bei niemandem voraussetzen, dass er in jedem Fall über ein lebendiges Gewissen verfügt; vertretbar ist lediglich, von einer gewissen Wahrscheinlichkeit auszugehen. Das ist aber keineswegs so wenig, wie es zunächst zu sein scheint, denn die Wahrscheinlichkeit wächst mit der Anzahl der Menschen, deren Gewissen stark genug ist, um die Kontrollaufgaben zu bewältigen. Hier sind erneut wir Eltern gefordert; denn in dem Umfang, wie wir unseren Kindern zu einem wachsamen und unerbittlich mahnenden Gewissen verhelfen, erhöhen wir die Wahrscheinlichkeit, dass ein ganz bestimmter Adam über ein lebendiges Gewissen verfügt und dass wir ihm genau deshalb vertrauen dürfen.

Den totalen Überwachungsstaat als eine Alternative vor Augen, sollten wir wohl doch lieber dem Gewissen zutrauen, die Überwachung übernehmen zu können. Zwar bietet es nicht die vollkommene Sicherheit, aber was bedeutet das für uns? Müssen wir zwischen einer Lösung, die uns gar nichts Gutes erbringt, und einer weiteren, bei der nicht alles gut ist, wählen, fällt unsere Wahl sicherlich auf das Letztere, auf das kleinere Übel – oder positiv ausgedrückt – auf die für uns bessere Alternative. Sie ist es umso mehr, als sich hier ein auf das Gewissen bezogenes "nicht alles gut" sehr wohl zu "fast alles gut" wandeln kann. Je mehr Eltern sich ernsthaft und selbstverständlich erfolgreich bemühen, ihrem heranwachsenden Adam zu einem lebendigen Gewissen zu verhelfen, desto seltener beschränken wir uns auf die vage Aussage, ein ganz bestimmter Mensch verfüge wahrscheinlich über ein waches Gewissen. Mit zunehmender Berechtigung ist uns zu behaupten erlaubt, es sei Adam höchstwahrscheinlich eigen, und schließlich vielleicht sogar, mit an Gewissheit grenzender Wahrscheinlichkeit.

Nach unseren vorangehenden Überlegungen scheint es nun gerechtfertigt zu sein, die Kontrolle durch unser Gewissen als annehmbare Alternative zur nicht gewollten staatlichen Überwachung gelten zu lassen. Zu dieser Meinung stehen wir trotz des nicht zu leugnenden Mangels an Sicherheit, zumal er umso mehr an Bedeutung verliert, je wahrscheinlicher es wird, dass Adam über ein hellwaches und äußerst kritisches Gewissen verfügt und sich von ihm auch leiten lässt.

In einem weiteren Gedankenexperiment wollen wir einmal unterstellen, ausnahmslos jeder einzelne Adam verfüge über ein ideales Gewissen und er richte sich ohne Einschränkung nach dessen Weisungen. Wir hätten also das Beste erreicht, was uns das Gewissen zu ermöglichen vermag, und zweifellos eine gute Alternative zu der abgelehnten Überwachung durch den Staat gefunden – aber wäre es auch die optimale Lösung schlechthin, oder gibt es vielleicht eine weitere und noch bessere Alternative?

Ja, es gibt diese Alternative, oder – etwas vorsichtiger formuliert – sie ist zumindest vorstellbar. Es erweist sich allerdings als ein wahrhaft kühnes Unterfangen, sie in die Tat umzusetzen, auf jeden Fall gestaltet es sich noch viel schwieriger als das bereits nicht gerade leichte Vorhaben, jedem Heranwachsenden zu einem funktionstüchtigen Gewissen zu verhelfen. Nichtsdestoweniger sollte uns keine wie auch immer geartete Schwierigkeit abschrecken, denn schließlich bietet uns diese Alternative den großen Vorteil, von Zwang und jeglicher Überwachung frei zu sein. Sie beruht auf der Überzeugung, dass wir uns eines bestimmten Verhaltens umso sicherer sein können, je weniger es von fremden Einflüssen bestimmt wird, wie Lob und Tadel, Belohnung oder Angst vor Strafe. Von zentraler Bedeutung ist dabei die Frage, warum jemand so handelt, wie er handelt; es geht somit erneut um die Motivation.

Folgen wir dem, was Mythen und religiöse Schriften uns erzählen, dann scheint allen Göttern eines gemein zu sein: Götter handeln, wie sie handeln, weil sie genau so handeln wollen. Einzig ihr Wille bestimmt ihr Tun und Lassen; eine Entscheidungshilfe erübrigt sich somit. Selbstverständlich maßen wir uns nicht an, uns mit Göttern zu messen oder gar selbst zu einem Gott werden zu wollen. Dennoch könnten wir danach streben, aus niederdrückendem Müssen ein erhebendes Wollen entstehen zu lassen; sodass ebenfalls wir Menschen schon allein deshalb richtig handeln, weil es unser fester Wille ist. Einer eventuellen Kritik vorbeugend, versichern wir aus innerer Überzeugung, dass es keineswegs ein Beweis für Hybris ist, wenn wir uns ernsthaft darum bemühen, eine der vielen und bisher ausschließlich Göttern vorbehaltenen Eigenschaften zu einem weiteren Wesensmerkmal des Menschen werden zu lassen.


Mit freundlichen Grüßen
Wolf-Gero Bajohr

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