Donnerstag, 19. März 2009

Vom Säugling zum starken Menschen

Donnerstag, 19. März 2009

Vom Säugling zum starken Menschen

Unser Ziel ist der starke Mensch. Seine Stärke zeigt sich daran, dass er nicht fremdbestimmt ist, er lässt sich sein Handeln nicht von Gier, Hass, Neid oder der Neigung zu Gewalt diktieren, er entscheidet selbst. Bei all seinen Entscheidungen ist ihm bewusst, dass er für sein Tun und Lassen verantwortlich ist.
Mit einem Schrei und beseelt von dem Willen, zu überleben, so tritt der neue Mensch seinen Lebensweg an. Dieser noch völlig ichbezogene Säugling soll während seiner Entwicklungsjahre zu der Persönlichkeit heranreifen, die schließlich willens und fähig ist, die erhoffte menschenwürdigere Gesellschaft zu formen.
Nach christlich-jüdischer Überlieferung hieß der erste Mensch Adam. Da die starke Version eines Menschen gewissermaßen ein neuer Mensch sein wird, wollen wir ihn ebenfalls Adam nennen.
Wir stellten bereits fest, dass sich der heranwachsende Adam nicht ohne Hilfe entwickeln kann. Er braucht für seine Reise vom Säugling zum Erwachsenen Begleiter, sozusagen Reisebegleiter.
Eltern und Gesellschaft sind ausersehen, dem jungen Adam zu helfen.

Bevorzugung oder Gerechtigkeit
Während Eltern ihr Kind auf seinem Weg zum Erwachsenen begleiten, übernehmen sie unter anderem die Aufgaben eines Mittlers zwischen den Forderungen der Gesellschaft und den Erwartungen ihres Kindes. Gesellschaften mit dem Anspruch, sozial gerecht zu sein, ist selbstverständlich an ein hohem Maß an Gerechtigkeit gelegen, wohingegen Kinder keineswegs nur gerecht, sondern zumindest hin und wieder einmal bevorzugt behandelt zu werden hoffen. Im Widerstreit zwischen diesen entgegengesetzten Möglichkeiten werden verantwortungsvolle Eltern schnell erkennen, dass eine dem Ideal nahe kommende Erziehung weder dem einen noch dem anderen Extrem zuneigen darf, dass sie vielmehr einem Mittelweg folgen muss, dabei bis zu einem gewissen Grad beide Extreme berücksichtigend. Wenigstens von den eigenen Eltern das eine oder andere Mal zu erfahren, dass ihm schon seine Existenz allein zu einem privilegierten Platz verhilft, übt fraglos einen positiven Einfluss auf Adams Entwicklung aus, indem es nämlich einem verhängnisvollen Mangel an Selbstwertgefühl vorbeugt. Doch nicht nur dem Mangel ist vorzubeugen, sondern ebenso einem Zuviel an Selbstwertgefühl, das heißt der Überheblichkeit, sodass Eltern spätestens dann nicht über das gerechte Maß hinausgehen, wenn die Bevorzugung ihres Kindes einen nicht mehr zu rechtfertigenden Nachteil für die Gemeinschaft zur Folge hätte.

Auf ihrer Suche nach einem Kompromiss zwischen dem vom Gefühl diktierten und unschwer nachzuvollziehenden Wunsch, das eigene Kind zu bevorzugen, und der von ihrem Verstand entgegengesetzten Forderung, sich um die im Sinne einer würdigeren Gesellschaft unverzichtbare Gerechtigkeit zu bemühen, auf dieser Suche zeigen Eltern Weitblick, wenn sie ihren Adam möglichst oft dazu bringen, den engsten und für gewöhnlich mit der einen oder anderen Ausnahmeregelung versehenen familiären Bereich zu verlassen. Denn ohne dass die Eltern ausdrücklich darauf hinweisen müssen, lernt der junge Adam im Umgang mit seinen Cousins und Cousinen sowie mit Kindern aus nicht verwandten Familien, Erwartungen und Wünsche nicht an maximal Vorstellbarem, sondern einzig und allein an Realisierbarem auszurichten. Mit anderen Kindern zu spielen kann für Adam sogar noch über die Freude hinaus ein Gewinn sein. Es zeigt ihm vielleicht, was praktizierte Gerechtigkeit im konkreten Einzelfall tatsächlich bedeutet und dass es manchmal in seinem eigenen Interesse ist, sich um eine gerechte Lösung zu bemühen. Falls er das letzte Stück seines Lieblingskuchens mit seiner Mutter zu teilen beabsichtigt und sie ihm nicht ohnehin schon das ganze Stück überlässt, darf er sich sehr oft auch dann als Erster ein Teilstück aussuchen, wenn er selbst es war, der das letzte Stück Kuchen zweigeteilt hat. Gilt es jedoch, den Kuchen möglichst gerecht zwischen zwei Kindern aufzuteilen, ist der Ablauf etwas anders. Während das eine Kind den Kuchen teilen darf, ist das andere bei der Auswahl der Erste. Diese Vorgehensweise führt dazu, dass sich das teilende Kind sehr anstrengen wird, beide Kuchenstücke möglichst gleich verlockend aussehen zu lassen. Anderenfalls müsste es sicherlich davon ausgehen, dass das andere Kind nach dem besser aussehenden Stück greift und ihm selbst dann nur das weniger gute verbleibt.

Mit freundlichen Grüßen
Wolf-Gero Bajohr


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